Graphit auf 5 A6 Notizbüchern

 

 

Sterbende

Kurz nach Weihnachten fanden Ärzte einen Tumor im Kopf unserer Mutter. Wochen vorher hatte sie von Schwierigkeiten in ihrer Orientierung gesprochen. Später kam es so, dass ihr Gedächtnis immer wieder ganz aussetzte. Als der Tumor gefunden wurde, sagten die Ärzte, dass eine Operation den Tumor entfernen könnte, dass ein solcher Eingriff medizinisch sehr erprobt sei und Patienten teils schon nach fünf Tagen wieder das Krankenhaus verlassen könnten, dass die Gedächtnisfähigkeit wieder zurück kommen würde und dass ein Überleben ohne diese OP nicht länger als einige Wochen möglich sei. Der Arzt, der unsere Mutter seit mehreren Jahren sehr gut begleitete, empfahl dringend, diesen Schritt zu gehen. Ulrike entschied sich dafür und ein paar Tage später war sie im Krankenhaus. Nach der OP wachte sie nicht mehr auf: die Ärzte hatten einen Darmkeim in das Gehirn gebracht und es schwer entzündet. Die Entzündung wurde so gravierend, dass Uli nicht mehr zu Bewusstsein kam und über drei Monate in einem komatösen Zustand verweilte. In dieser Zeit ging sie durch viele Rettung versuchende OP’s, einige Lungenentzündungen und körperlich, wie seelisch durch große Schmerzen. Auch wurde sie in ein neues Krankenhaus verlegt, da das Krankenhaus, das die OP durchgeführt hatte, nicht weiter behandeln und ihr die Beatmungsmaschine abstellen wollte.

Am Osterdonnerstag starb sie im Krankenbett in Bad König. Es war ein großes Geschenk für uns. Oft schaue ich mit Staunen darauf, dass sie einen so großen Mut hatte und starb. Es war sehr radikal. Sie hat etwas getan, mit dem wir alle nicht gerechnet hatten. Sie wollte leben. Aber sie setzte nun in diesem neuen Prozess des Sterbens ihre tiefsten und höchsten Intentionen um, mit einer Kraft, die ihren Geist endlich ganz auf die Erde brachte: viele Jahre hatte sie davon gesprochen: ihr Inneres nach außen tragen, das Leben das sie in sich allein führte, auch im menschlichen Zwischeneinander zu teilen, transparent zu werden, geliebt zu werden und zu lieben. Jahrelang war ihr Lebenswille, ein lebendiges und gesundes Leben der Seele zu führen in Offenheit und Austausch mit anderen.

In ihrem Prozess im Krankenhaus drehte sich ihre Einsamkeit auf einmal um und in ihrem Koma wurde sie Teil eines Prozesses der Liebe, der totalen Hingabe, der ganzen Aufmerksamkeit und ungeteilten Kompromisslosigkeit zwischen uns allen mit ihr. Ihre Präsenz führte diesen Prozess und machte ihn möglich. Ihr Wunsch der Mediation zwischen Himmel und Erde im ganz alltäglichen Leben wurde wahr. Und ihr Glaube, dass jede Situation im Leben Sinn macht, verwirklichte sich: in meiner Aufmerksamkeit an ihrem Bett konnte ich beobachten, dass sich da gerade etwas abspielte, das weit größer ist, als das Liegen, die geschlossenen Augen, der geschwollene Körper. Oft flüsterten wir am Bett, meine Geschwister und ich: „nimmst du das auch wahr, diese Präsenz?“. Wir hatten gelernt uns dort hin zu heben, wo Ulrike seit Monaten schwebte. Einfach unsere Liebe und unser in dieser Situation so verstärkte Wille, mit ihr in Beziehung zu sein, hatte uns in stunden-, tage-, wochenlanger Meditation, in endlosem zu-ihr-hin-Lauschen gelehrt mit ihr zu Kommunizieren. Es entstanden die intimsten und liebevollsten, ja, geistreichsten ‚stillen Gespräche‘. Der Austausch war vorher nie so direkt und kompromisslos gewesen. Immer standen Vorstellungen im Weg, darüber, wer wir füreinander seien und wie weit wir für-und miteinander gehen dürften. Wir hatten Alltag zwischen uns gestellt. Sie hatte sich gewöhnt. Und davon löste sie sich jetzt. Sie ist auf einmal frei geworden und ihre Intentionen der Liebe wurden als Geschenk ganz präsent und wir handelten nun aus ihnen. Auf einmal war eine große Freiheit in ihrem Leben und die Menschen um sie herum lebten und liebten in ihr.

Als sie starb war es kein zu großer Schritt mehr, der Präsenz Ihres Geistes weiter zu begegnen und Kontakt zu ihr zu habe. Auch jetzt, wo sie noch weiter ‚aufstieg‘. Es wurde schöner, feiner, liebevoller, lichter. Diese Klarheit im Zwischenmenschlichen, diese Radikalität, das was ist ganz wahr zu nehmen, gab Vertrauen und Sicherheit. Ich fühle mich getragen. In den letzten Sterbestunden, in denen sich die letzte Lungenentzündung stark intensiviert hatte, sollten verschiedene Schmerzmittel und bewusstseinshemmende Morphine verabreicht werden um den Schmerz und die Angst im Tod zu nehmen. Wir hatten aber erlebt: mit voller Aufmerksamkeit und Hingabe, im Zentrum eines Prozesses liebend zu sein, und mit Mut hindurchzugehen, lindert Schmerz und wirft das Licht auf das Wesentliche. So konnte unsere Mutter in ihren Tod in klarer Seele und unverändertem Bewusstsein gehen, ohne große Schmerzen.

Für mich wird das Leben radikaler, heller, liebender. Ich bin sehr dankbar eine so lebendige Verbindung zur Welt der Intentionen, zur Welt des Geistes erleben zu dürfen, durch ihre Hand geführt, an der sie uns nimmt. Ich bin bereit alle Wege zu gehen. Wir wissen nicht was schön ist – ohne zu schauen. Nur Aufmerksamkeit zeigt uns was ist. Als sie da lag und ihren Körper verlassen hatte, gab es nichts Schöneres als dieses.

Graphit auf Papier